Autorinnen

In der Formationsphase des modernen Systems des geistigen Eigentums im 19..Jahrhundert engagierten sich individuelle Künstler für die Verbesserung der Rolle der Autoren, in der Literatur z.B. Johann Wolfgang Goethe, in der Musik etwa Richard Strauss. Ab den 20er-Jahren des 20..Jahrhunderts motivierte das Sozialstaatsprinzip den Gesetzgeber zu einem besonderen Schutz des Urhebers als der gegenüber den Verwertern wirtschaftlich und sozial schwächeren Partei.

Nicht selten werden Autoren mit der Rechteindustrie zusammengedacht, die bei der Verbreitung der Werke auf dem Markt in der Tat gemeinsame Interessen haben. Zumindest die Verwertungsgesellschaften – die ebenfalls nicht mit den Autorinnen gleichgesetzt werden dürfen – stehen in Urheberrechtsfragen häufig Schulter an Schulter mit der Rechteindustrie. Beim Erstverkauf ihrer Werke an die Verlage stehen die Autoren diesen jedoch als Antagonisten gegenüber. Die Rechteindustrie ist nicht kreativ. Sie vermarktet die künstlerischen Werke, für deren Zulieferung sie auf die Autorinnen angewiesen ist. Autoren sind in den seltensten Fällen zugleich Akteure der Rechteindustrie, wie etwa Michael Jackson, der die Rechte an den Beatles-Werken erwarb. Als Verkäufer und Käufer haben die beiden Seiten entgegengesetzte Interessen: Der Autor möchte einen möglichst hohen Preis für sein Manuskript erzielen, der Verlag möchte ihm möglichst wenig, im Idealfall gar nichts zahlen. Im Buchverlagswesen ist heute in Deutschland ein Autorenanteil von sechs bis acht Prozent des Nettoladenpreises üblich. Nicht selten erhält der Urheber nicht einmal diesen, sondern muss selbst einen Druckkostenzuschuss beibringen. Nur eine Hand voll Bestsellerautorinnen ist in der Position, günstigere Konditionen auszuhandeln. Nimmt man den substanziellen Zweck des Urheberrechts, dem Autor eine Entlohnung zu sichern, um ihn im Interesse der Allgemeinheit zur Schaffung neuer Werke zu stimulieren, beim Wort, so muss man feststellen, dass die Urheberwirklichkeit dieses Ziel nicht einfüllt. Bücherschreiben ist eine brotlose Kunst. Die Interessen der kreativen Medienkulturschaffenden vertreten Verbände wie der Deutsche Journalisten Verband (DJV) oder die in ver.di aufgegangene Industriegewerkschaft (IG) Medien.[46] Für die Gewerkschaften stehen die Vergütungsinteressen und die Arbeits- und Lebensbedingungen ihrer Mitglieder sowie die tarifvertragliche Gestaltung oder Verbesserung der Konditionen der wachsenden Zahl von Freien und Selbständigen im Vordergrund. Häufig genug verpflichten Verlage Urheber und ausübenden Künstler, auf Rechte zu verzichten, die ihnen nach dem Urhebergesetz zustehen. Fotografen beispielsweise müssen in vielen Fällen ihr nach Gesetz nicht übertragbares Urheberpersönlichkeitsrecht auf Namensnennung abtreten. Auch die Verträge der Drehbuchautoren und anderer Urheber von Film- und Multimediawerken sehen in der Regel eine Übertragung ihrer Persönlichkeitsrechte vor.[47] Die Gewerkschaften sehen das Urheberrecht als das »Arbeitsrecht« der Autoren und ausübenden Künstler und engagieren sich für ein Urhebervertragsrecht der Kreativen.[48] Nun klagen auch die Buchverleger über geringe Gewinnmargen trotz Buchpreisbindung. Wie sieht es dagegen in der einnahmestarken Musikindustrie aus? Von 40 Milliarden Dollar pro Jahr sollte doch einiges die Künstler erreichen. Hier gibt es noch weniger als in der Printindustrie verbindliche Richtwerte oder auch nur zuverlässige Zahlen über übliche Praktiken. In einem Aufsehen erregenden Artikel rechnete die Rocksängerin Courtney Love von der Band Hole vor, was Musiker tatsächlich verdienen. Danach verkaufte die Band eine Millionen Platten, die der Plattenfirma einen Profit von 6,6 Millionen Dollar einbrachte und der Band einen von null Dollar: »Was ist Piraterie? Piraterie ist das Stehlen der Arbeit eines Künstlers, ohne die Absicht, dafür zu bezahlen. Ich spreche nicht von napster-artigen Systemen. Ich spreche von Verträgen mit großen Plattenfirmen.«[49] Love, die von ihrer Plattenfirma Universal Records in einen sieben Jahre andauernden Rechtsstreit verwickelt wurde, bezeichnet Labels als Gatekeeper , die ihre Macht aus ihrer Kontrolle über die begrenzte Produktion, die knappe Sendezeit der Radios, die knappe Stellfläche in den Musikgeschäften, kurz, über den Zugang zur Öffentlichkeit beziehen. »Künstler zahlen 95 Prozent von dem, was sie verdienen an Gatekeeper , weil wir bislang auf Gatekeeper angewiesen waren, damit unsere Musik gehört wird. Sie haben nämlich ein System und wenn sie sich entscheiden, genügend Geld auszugeben – Geld, das ich ihnen dann schulde –, können sie abhängig von einer Menge willkürlicher Faktoren gelegentlich Dinge durch dieses System schleusen.« Dazu gehören diverse markt- und vertragstechnische Faktoren, nicht aber die Musik, nicht der Geschmack der Hörer und nicht ein finanzieller Anreiz für den Künstler, sein nächstes Werk zu schaffen. Unter den 273.000 in der American Federation of Musicians organisierten Profimusikern, schreibt Love, liege das Durchschnittseinkommen bei etwa 30.000 Dollar im Jahr. Nur 15 Prozent von ihnen könnten ausschließlich von ihrer Musik leben:

»Wir Künstler glauben gerne, dass wir eine Menge Geld verdienen können, wenn wir Erfolg haben. Aber es gibt Hunderte Geschichten von 60- und 70-jährigen Künstlern, die pleite sind, weil sie nie einen Pfennig für ihre Hits bekommen haben. Für einen Nachwuchskünstler ist es heute ein langer Weg zum echten Erfolg. Von den 32.000 Neuerscheinungen pro Jahr verkaufen nur 250 mehr als 10.000 Exemplare. Und weniger als 30 bekommen Platin [...] Künstler, die der Industrie Milliarden von Dollar eingebracht haben, sterben arm und unversorgt. Und sie sind nicht etwa Darsteller oder sonstwie sekundär Beteiligte. Sie sind die rechtmäßigen Eigentümer, Urheber und ausübenden Künstler von Originalkompositionen. Das ist Piraterie.« (Love 6/2000)

Mit dem Internet seien die Gatekeeper überflüssig geworden. Den Ressourcenmangel, den die Unternehmen verwalten, gebe es nicht mehr. Musiker und Hörer können in direkten Austausch miteinander treten. Zusammen mit ihrer 19-jährigen Webmistress betreibt Love daher ihre eigene Website.

Da ich meine Musik im Grunde schon im alten System verschenkt habe, mache ich mir keine Sorgen über MP3-Dateien, Funktechnologien oder irgend welche anderen Bedrohungen meiner Copyrights. Alles, was meine Musik für mehr Menschen verfügbarer macht, ist großartig. [...] Ich werde es Millionen von Menschen erlauben, meine Musik umsonst zu bekommen, wenn sie möchten, und wenn sie sie ihnen gefällt, werden sie hoffentlich so freundlich sein, ein Trinkgeld zu hinterlassen.« (ebd.)

Wenn die Musiker nur einen kärglichen Anteil an den Ladenverkäufen ihrer Werke erhalten, wie sieht es dann mit den Vergütungen aus, die die Verwertungsgesellschaften von den Plattenfirmen pro Einheit, von den Veranstaltern für Aufführungen und für die Wiedergabe im Rundfunk einziehen und an die Autoren und ihre Verlage weitergeben? Eine Untersuchung der britischen Kartellbehörde über die Auszahlungsstruktur der Performance Rights Society , die die Aufführungsrechte in England wahrnimmt, ergab, dass sich auch hier das von der Musikindustrie betriebene Starsystem widerspiegelt. Zehn Prozent der Komponisten erhalten 90 Prozent der Tantiemen.[50] Wie wussten schon die Bremer Stadtmusikanten zu sagen: »Etwas besseres als die Musikindustrie finden wir überall.«